DEUTSCH

III. Weltkongress der Komintern

Thesen über die Taktik

(angenommen in der 24. Sitzung des III. Weltkongresses vom 12. Juli 1921)

[nach Thesen und Resolutione

n des III. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale. Hamburg 1921, S. 31-63]




1.

Umgrenzung der Fragen.


„Die neue internationale Arbeitervereinigung ist gebildet zur Organisierung von gemeinsamen Aktionender Proletarier der verschiedenen Länder, die das eine Ziel anstreben: Sturz des Kapitalismus, Errichtung der Diktatur des Proletariats und einer internationalen Sowjetrepublik zur vollen Beseitigung der Klassen und zur Verwirklichung des Sozialismus, dieser ersten Stufe der kommunistischen Gesellschaft.“ Diese in dem Statuten der kommunistischen Internationale festgelegte Bestimmung ihrer Ziele umgrenzt klar alle Fragen der Taktik, die zu lösen sind. Es sind taktische Fragen unseres Kampfes um die proletarische Diktatur. Sie beziehen sich auf die Mittel der Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse für die Grundsätze des Kommunismus und auf die Mittel der Organisation sozial entscheidender Teile des Proletariats für den Kampf um seine Verwirklichung, sie beziehen sich auf das Verhältnis zu den proletarisierten, kleinbürgerlichen Schichten, auf die Mittel und Wege der schnellsten Zersetzung der Organe der bürgerlichen Macht, ihrer Zertrümmerung und des endgültigen internationalen Kampfes um die Diktatur. Die Fragen der Diktatur selbst, als des einzigen Weges zum Siege, stehen außerhalb der Diskussion. Die Entwicklung der Weltrevolution hat klipp und klar bewiesen, dass es nur eine Alternative in der gegebenen historischen Situation gibt: kapitalistische oder proletarische Diktatur. Der III. Kongress der Kommunistischen Internationale tritt an die erneuerte Prüfung der taktischen Fragen heran in einer Situation, wo sich in einer Reihe von Ländern die objektive Lage revolutionär zugespitzt hat und wo eine Reihe kommunistischer Massenparteien sich herausgebildet hat, die aber noch nirgends die tatsächliche Führung des Gros der Arbeiterklasse im wirklichen revolutionären Kampf innehaben.


2.

Vor neuen Kämpfen.


Die Weltrevolution, d. h. der Zerfall des Kapitalismus, und die Sammlung der revolutionären Energie des Proletariats, seiner Organisierung zu einer angreifenden und siegreichen Macht wird eine längere Periodevon revolutionären Kämpfen in Anspruch nehmen. Die Verschiedenheit der Schärfe der Gegensätze in einzelnen Ländern, die Verschiedenheit ihrer sozialen Struktur und der zu überwindenden Hindernisse, der hohe Grad der Organisation der Bourgeoisie in den kapitalistisch entwickelten Ländern Westeuropas und Nordamerikas bewirkten, dass der Weltkrieg nicht in einen sofortigen Sieg der Weltrevolution ausmündete. Die Kommunisten haben also recht gehabt, wenn sie noch während des Krieges erklärten, dass die Periode des Imperialismusin das Zeitalter der sozialen Revolutionausmünden werde, d.h. in eine lange Reihe von Bürgerkriegen innerhalb einzelner kapitalistischer Staaten und der Kriege zwischen den kapitalistischen Staaten einerseits, proletarischen Staaten und den ausgebeuteten Kolonialvölkern andererseits. Die Weltrevolution ist kein geradlinig fortschreitender Prozess, sondern die Perioden des chronischen Zerfalls des Kapitalismus, der alltäglichen revolutionären Minierarbeit spitzen sich jeweils zu und fassen sich zusammen zu akuten Krisen. Der Gang der Weltrevolution wurde noch schleppender dank der Tatsache, dass starke Arbeiterorganisationen und Arbeiterparteien, nämlich die sozialdemokratischen Parteien wie die Gewerkschaften, die vom Proletariat gebildet worden sind zur Leitung seines Kampfes gegen die Bourgeoisie, die sich im Kriege verwandelt haben in die Organe der konterrevolutionären Beeinflussung und Bindung des Proletariats, in dieser Rolle auch nach der Beendigung des Krieges verblieben. Das machte der Weltbourgeoisie leicht, die Krisis der Demobilisationszeitzu überwinden, das erlaubte ihr, in der Zeit der Scheinprosperitätdes Jahres 1919/20 in der Arbeiterschaft neue Hoffnungen auf die Möglichkeit der Besserung ihrer Lage im Rahmen des Kapitalismus zu erwecken, was der Grund der Niederlage der Erhebungen des Jahres 1919 und des verlangsamten Tempos der revolutionären Bewegungen im Jahre 1919/20 war.
Die Weltwirtschaftskrisis, die Mitte 1920 einsetzte und sich über die ganze Welt erstreckt, überall die Arbeitslosigkeitvermehrend, beweist dem internationalen Proletariat, dass die Bourgeoisie nicht imstande ist, die Welt von neuem aufzubauen. Die Verschärfung aller weltpolitischenGegensätze, der Beutefeldzug Frankreichs gegen Deutschland, der englisch-amerikanische und amerikanisch-japanische Gegensatz mit dem Wettrüsten als Folge, sie zeigen, dass die absterbende kapitalistische Welt von neuem einem Weltkriege entgegen taumelt. Der Völkerbund ist sogar als internationaler Trust der Siegerstaaten zur Ausbeutung der besiegten Konkurrenten und der Kolonialvölker durch die englisch-amerikanische Konkurrenz einstweilen gesprengt. Die Illusion, mit der die internationale Sozialdemokratie und die Gewerkschaftsbürokratie die Arbeitermassen vom revolutionären Kampfe zurückhielt, die Illusion, sie könnten um den Preis des Verzichts auf die Eroberung der politischen Macht im revolutionären Kampfe schrittweise friedlich die wirtschaftliche Macht und Selbstverwaltung erreichen, liegt im Absterben.
Die Sozialisierungs-Komödien in Deutschland, mit deren Hilfe die Regierung Scheidemann-Noske im März 1919 die Arbeiterschaft von dem Ansturm zurückzuhalten suchte, sind zu Ende. Die Sozialisierungsphrase hat Platz gemacht der realen Stinnesierung, d.h. der Unterwerfung der deutschen Industrie unter einen kapitalistischen Diktator und die mit ihm verbundenen Cliquen. Der Angriff der preußischen Regierung unter der Führung des Sozialdemokraten Severing gegen die mitteldeutschen Bergarbeiter bildet die Einleitung zur allgemeinen Angriffsaktion der deutschen Bourgeoisie zur Herabdrückung der Löhne der deutschen Arbeiterschaft. In Englandsind alle Nationalisierungspläne ins Wasser gefallen. Statt der Realisierung des Nationalisierungsplanes der Sankeykommission unterstützt die Regierung durch Militäraufgebot die Aussperrung der englischen Bergarbeiter. Die französischeRegierung kann nur mit Hilfe eines Raubzuges gegen Deutschland ihren wirtschaftlichen Bankrott aufschieben. An irgendwelchen planvollen Aufbau der Wirtschaft denkt sie nicht. Ja, sogar der Wiederaufbau des zerstörten Nordfrankreich, soweit er in Angriff genommen wird, dient nur der privatkapitalistischen Bereicherung. In Italienging die Bourgeoisie mit Hilfe der weißen Banden der Faschisten zum Angriff gegen die Arbeiterklasse über. Überall hat die bürgerliche Demokratie sich weiter demaskieren müssen, in den alten Staaten bürgerlicher Demokratie sowohl, wie in den neuen, die aus dem imperialistischen Zusammenbruch hervorgegangen sind. Weiße Garden, diktatorische Vollmacht der Regierung in England gegenüber dem Bergarbeiterstreik, Faschisten, Guarda Regia in Italien, Pinkertons, Ausstoßung sozialistischer Abgeordneter aus den Parlamenten, Lynchjustiz in den Vereinigten Staaten, der weiße Terror in Polen, Jugoslawien, Rumänien, Lettland und Estland, die Legalisierung des weißen Terrors in Finnland und Ungarn und den Balkanländern, Kommunistengesetz in der Schweiz, Frankreich usw. Überall sucht die Bourgeoisie der Arbeiterklasse die Folgen der gesteigerten wirtschaftlichen Anarchie aufzubürden: die Arbeitszeit zu verlängern, die Löhne zu drücken. Überall helfen ihr die Führer der Sozialdemokratie und die der Amsterdamer Gewerkschafts-Internationale. Sie können aber das Erwachen der Arbeitermassen zu neuem Kampfe, das Nahen neuer revolutionärer Wellen nur aufschieben, nicht aber verhindern. Schon sehen wir, wie das deutsche Proletariat sich zum Gegenangriffvorbereitet, wie die englischen Bergarbeiter, trotz des Verrats der trade-unionistischen Führer wochenlang heldenhaft im Kampfe gegen das Grubenkapital ausharren. Wir sehen, wie nach den Erfahrungen, die das italienischeProletariat mit der Politik des Zauderns der Serratigruppe gemacht hat, in seinen Vorderreihen sich der Wille zum Kampf ansammelt, der in der Bildung der Kommunistischen Partei Italiens zum Ausdruck gelangt. Wir sehen, wie in Frankreichnach der Spaltung, nach der Absonderung von den Sozialpatrioten und Zentristen die Sozialistische Partei von der kommunistischen Agitation und Propaganda zu Massendemonstrationengegen den, imperialistischen Raub überzugehen beginnt. Wir erleben in der Tschechoslowakeiden politischen Dezemberstreik, an dem trotz des vollkommenen Fehlens einer einheitlichen Leitung eine Million Arbeiter teilnehmen, wie die darauf folgende Bildung der tschechischen Kommunistischen Partei, als einer Massenpartei. In Polenhaben wir im Februar unter der Führung der Kommunistischen Partei den Eisenbahnerstreik und den sich ihm anschließenden Generalstreik und wohnen dem fortschreitenden Prozess der Zersetzung der sozialpatriotischen polnischen Sozialistischen Partei bei. Nicht das Abflauen der Weltrevolution, nicht das Abebben ihrer Wellen, sondern umgekehrt: am wahrscheinlichsten ist unter den gegebenen Verhältnissen die unmittelbare Verschärfung der sozialen Gegensätze und der sozialen Kämpfe.


3.

Die wichtigste Aufgabe der Gegenwart.


Die Eroberung des ausschlaggebenden Einflusses auf die Mehrheit der Arbeiterklasse, das Hineinführen ihrer entscheidenden Teile in den Kampf ist gegenwärtig die wichtigste Frage der Kommunistischen Internationale. Denn trotz der objektiv revolutionären ökonomischen und politischen Lage, in der die Schärfe der revolutionären Krisis ganz plötzlich entstehen kann (sei es in einem großen Streik, einem kolonialen Aufstand, einem neuen Krieg oder sogar in einer großen parlamentarischen Krisis usw.), steht die Mehrheit der Arbeiterklasse noch nicht unter dem Einflusse des Kommunismus, insbesondere in solchen Ländern, wo auf Grundlage der starken Macht des Finanzkapitals große Schichten vom Imperialismus korrumpierter Arbeiter existieren (z. B. in England und Amerika) und wo die wirkliche revolutionäre Massenpropaganda erst begonnen hat. Die Kommunistische Internationale hat vom ersten Tage ihrer Bildung an klar und unzweideutig sich zum Zwecke gesetzt nicht die Bildung kleiner, kommunistischer Sekten, die nur durch Propaganda und Agitation ihren Einfluss auf die Arbeitermassen herzustellen suchen, sondern die Teilnahme an dem Kampfe der Arbeitermassen, die Leitung dieses Kampfes in kommunistischem Sinne und die Bildung im Kampfe erprobter, großer, revolutionärer kommunistischer Massenparteien. Die Kommunistische Internationale hat schon im ersten Jahre ihrer Existenz die sektiererischen Tendenzen abgelehnt, indem sie die ihr angeschlossenen Parteien – mochten sie noch so klein sein – aufforderte, sich an den Gewerkschaften zu beteiligen, um deren reaktionäre Bürokratie von innen heraus zu überwinden und die Gewerkschaften zu revolutionären Massenorganisationen des Proletariats, zu Organen seines Kampfes zu machen. Schon im ersten Jahre ihrer Existenz hat die Kommunistische Internationale die kommunistischen Parteien aufgefordert, sich nicht in Propagandazirkeln zu verschließen, sondern alle Möglichkeiten, die ihnen die bürgerliche Staatsordnung zur Agitation und Organisation des Proletariats offen zu lassen genötigt ist, auszunützen: die Freiheit der Presse, die Koalitionsfreiheit und die bürgerlichen, parlamentarischen Institutionen – mögen sie noch so sehr verkümmert sein – zur Waffe, zur Tribüne, zum Sammelplatz des Kommunismus zu machen. Auf ihrem II. Kongress hat die Kommunistische Internationale die sektiererischen Tendenzen in ihren Resolutionen über die Gewerkschaftsfrage und über die Ausnützung des Parlamentarismus offen abgelehnt. Die Erfahrungen des zweijährigen Kampfes der kommunistischen Parteien haben die Richtigkeit des Standpunktes der Kommunistischen Internationale vollkommen bestätigt.Die Kommunistische internationale hat durch ihre Politik die Trennung der revolutionären Arbeiter nicht nur von den offenen Reformisten, sondern auch von den Zentristen in einer Reihe von Ländern herbeigeführt. Dadurch, dass die Zentristen eine 2½ Internationale gebildet haben, die offen sich mit den Scheidemännern, Jouhaux und Henderson auf dem Boden der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale vereinigt, wurde das Kampfterrain für die proletarischen Massen viel übersichtlicher, was die kommenden Kämpfe nur erleichtern wird. Der deutscheKommunismus wurde dank der Taktik der Kommunistischen Internationale (revolutionäre Arbeit in den Gewerkschaften, Offener Brief usw.) aus einer politischen Richtung, als welche er in die Januar- und Märzkämpfe des Jahres 1919 eintrat, zu einer großen, revolutionären Massenpartei. Er hat in den Gewerkschaften einen Einfluss erworben, der die Gewerkschaftsbürokratie veranlasste, aus Furcht vor der revolutionären Wirkung der kommunistischen Gewerkschaftsarbeit, zahlreiche Kommunisten aus der Gewerkschaft auszuschließen und sie nötigte, das Odium der Spaltung der Gewerkschaften auf sich zu nehmen. In der Tschechoslowakeiist es den Kommunisten gelungen, die Mehrheit der politisch organisierten Arbeiter auf ihre Seite zu bringen. in Polenhat die Kommunistische Partei, in erster Linie dank ihrer Minierarbeit in den Gewerkschaften, es verstanden, den ungeheuren Verfolgungen zum Trotz, die ihre Partei-Organisation zur vollkommenen Illegalität zwingen, mit den Massen nicht nur in Verbindung zu bleiben, sondern als ihre Führerin in Massenkämpfen aufzutreten. In Frankreichhaben die Kommunisten die Mehrheit in der Sozialistischen Partei erobert. In England vollzieht sich der Konsolidierungs-Prozess der kommunistischen Gruppen auf dem Boden der taktischen Richtlinien der Kommunistischen Internationale, und der wachsende Einfluss der Kommunisten nötigt die Sozialverräter, zu versuchen, den Kommunisten den Eintritt in die Labour Party unmöglich zu machen. Die sektiererischen kommunistischen Gruppen (wie die KAPD usw.) konnten dagegen auf ihrem Wege nicht die geringsten Erfolge erreichen.Die Theorie der Stärkung des Kommunismus durch die reine Propaganda und Agitation, durch die Bildung besonderer kommunistischer Gewerkschaften, hat vollen Schiffbruch erlitten. Nirgends konnte auf diesem Wege irgendeine einflussreiche kommunistische Partei gebildet werden.


4.

Die Lage in der Kommunistischen Internationale.

Auf diesem Wege zur Bildung kommunistischer Massenparteien ist die Kommunistische Internationale nicht überall weit genug gelangt. Ja, in zwei der wichtigsten Länder des siegreichen Kapitalismus hat sie auf diesem Gebiete noch alles zu tun.
In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in denen aus historischen Gründen auch vor dem Kriege irgendwelche breitere revolutionäre Bewegung fehlte, stehen die Kommunisten noch immer vor den ersten, einfachsten Aufgaben der Herausbildung eines kommunistischen Kerns und seiner Verbindung mit den Arbeitermassen. Für diese ihre Arbeit bereitet jetzt die Wirtschaftskrisis, die fünf Millionen Arbeiter arbeitslos gemacht hat, einen sehr günstigen Boden. Im Bewusstsein der ihm drohenden Gefahr der Radikalisierung der Arbeiterbewegung und ihrer Beeinflussung durch die Kommunisten versucht das amerikanische Kapital, die junge kommunistische Bewegung durch barbarische Verfolgungen zu zerbrechen und zu vernichten und zur Illegalität zu zwingen, wo sie nach seiner Rechnung, ohne jede Verbindung mit den Massen, zu einer Propagandasekte ausarten und verdorren müsste. Die Kommunistische Internationale lenkt die Aufmerksamkeit der Vereinigten Kommunistischen Partei Amerikas darauf, dass die illegale Organisation nur den Boden zur Sammlung, Klärung der aktivsten kommunistischen Kräfte bilden soll, dass sie aber verpflichtet sind, alle Mittel und Wege zu versuchen, um aus ihren illegalen Organisationen heraus an die breiten, in Gärung sich befindlichen Massen der Arbeiterschaft zu gelangen, dass sie verpflichtet sind, die Wege und Formen zu finden, diese Massen politisch im öffentlichen Leben zum Kampfe gegen das amerikanische Kapital zusammenzufassen.
Auch der englischenkommunistischen Bewegung ist es noch nicht gelungen, trotz der Konzentration ihrer Kräfte zu einer einheitlichen kommunistischen Partei, zur Massenpartei zu werden.
Die andauernde Desorganisation der englischen Wirtschaft, die unerhörte Verschärfung der Streikbewegung, die wachsende Unzufriedenheit in den breitesten Massen des Volkes mit dem Regime Lloyd Georges, die Möglichkeit eines Sieges der Arbeiterpartei und der liberalen Partei bei den nächsten Parlamentswahlen – all dies eröffnet in der Entwicklung Englands neue revolutionäre Perspektiven und stellt vor die englischen Kommunisten Fragen von äußerster Bedeutung.
Die erste Hauptaufgabe der Kommunistischen Partei Englands ist, dass sie zu einer Partei der Massen werde. Die englischen Kommunisten müssen sich immer fester auf den Boden der faktisch existierenden und sich entwickelnden Massenbewegung stellen, in allen konkreten Eigenheiten derselben eindringend, und einzelne sowie Teilforderungen der Arbeiter zum Ausgangspunkte der eigenen unermüdlichen und energischen Agitation und Propaganda machen.
Die mächtige Streikbewegung unterwirft die Fähigkeit, die Verlässlichkeit, Standhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit der trade-unionistischen Apparate und Führer in den Augen von Hunderttausenden und Millionen von Arbeitern einer Prüfung. Unter diesen Bedingungen gewinnt die Arbeit der Kommunisten in den Gewerkschaften entscheidende Bedeutung. Keine von außen kommende Parteikritik kann auch in entferntem Maße jenen Einfluss auf die Massen ausüben, die durch die alltäglich standhafte Arbeit der kommunistischen Gewerkschaftszellen ausgeübt werden kann, durch jene Arbeit, die auf die Enthüllung und Diskreditierung der Verräter und Spießbürger des Trade-Unionismus gerichtet ist, die in England noch mehr als in irgendeinem anderen Lande politisches Spielzeug des Kapitals sind.
Wenn in anderen Ländern die Aufgabe der zu Massenparteien gewordenen kommunistischen Parteien darin besteht, dass sie in bedeutendem Maße die Initiative der Massenaktionen ergreifen, so besteht in England die Aufgabe der Kommunistischen Partei vor allem darin, dass sie auf Grundlage der sich faktisch entwickelnden Massenaktionen den Massen mit ihrer eigenen Erfahrung zeige und beweise, dass die Kommunisten die Interessen, die Bedürfnisse und Gefühle dieser Massen richtig und mutig zum Ausdruck bringen können.
Die kommunistischen Massenparteien Mittel- und Westeuropas stehen in dem Prozesse der Ausbildung der entsprechenden Methoden der revolutionären Agitation und Propaganda, im Prozess der Ausbildung von Organisationsmethoden, die ihrem Kampfcharakter entsprechen würden und im Prozess des Überganges von der kommunistischen Propaganda und Agitation zur Aktion. Dieser Prozess wird verhindert durch die Tatsache, dass in einer Reihe von Ländern die Revolutionierung der Arbeiter zum Übertritt ins Lager des Kommunismus stattgefunden hat unter der Leitung von Führern, die die zentristischen Tendenzen nicht überwunden haben und nicht imstande sind, eine wirklich kommunistische Volksagitation und Propaganda zu führen oder sie direkt befürchten, weil sie wissen, dass diese Propaganda und Agitation die Parteien zu revolutionären Kämpfen überleiten würde.
Diese zentristischen Tendenzen haben in Italienzur Spaltung der Partei geführt. Die Partei- und Gewerkschaftsführer, die sich um Serrati gruppierten, haben statt die spontanen Bewegungen der Arbeiterklasse, ihre wachsende Aktivität zum bewussten Kampfe um die Macht, für den in Italien die Vorbedingungen reif waren, umzugestalten, diese Bewegungen versanden lassen. Der Kommunismus war für sie kein Mittel der Aufrüttelung und Vereinigung der Arbeitermassen zum Kampfe. Und weil sie den Kampf fürchteten, mussten sie die kommunistische Propaganda und Agitation verwässern und ins zentristische Fahrwasser leiten. Sie stärkten auf diese Weise den Einfluss der Reformisten wie Turati und Treves in der Partei, und wie D‘Aragona in den Gewerkschaften. Weil sie sich von den Reformisten weder in Wort noch Tat unterschieden, wollten sie sich nicht von den Reformisten trennen. Sie zogen es vor, sich von den Kommunisten zu trennen. Die Politik der Richtung Serrati, die auf einer Seite den Einfluss der Reformisten stärkte, schuf auf der anderen Seite die Gefahr des Einflusses der Anarchisten und Syndikalisten und der Erzeugung antiparlamentarischer, wortradikaler Tendenzen in der Partei selbst. Die Spaltung in Livorno, die Bildung der Kommunistischen Partei in Italien, die Zusammenfassung aller wirklich kommunistischen Elemente auf dem Boden der Beschlüsse des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale zu einer kommunistischen Partei, wird den Kommunismus zu einer Massenkraft in Italien machen, wenn die Kommunistische Partei Italiens, ununterbrochen, unbeugsam gegen die opportunistische Politik des Serratismus kämpfend, gleichzeitig imstande sein wird, sich mit den Massen des Proletariats in den Gewerkschaften, in den Streiks, in den Kämpfen gegen die konterrevolutionären Organisationen der Faschisten zu verbinden, ihre Bewegungen zu verschmelzen, ihre spontanen Aktionen in sorgfältig vorbereitete Kämpfe zu verwandeln.
In Frankreich, wo das chauvinistische Gift der „nationalen Verteidigung“ und nachher der Siegestaumel stärker waren, als in irgendeinem anderen Lande, entwickelte sich die Reaktion gegen den Krieg langsamer, als in den übrigen Ländern. Dank dem moralischen Einfluss der russischen Revolution, der revolutionären Kämpfe in den kapitalistischen Ländern und dank der Erfahrung der ersten Kämpfe des von seinen Führern verratenen französischen Proletariats, entwickelte sich die französische Sozialistische Partei in ihrer Mehrheit in der Richtung des Kommunismus, noch bevor sie durch die Entwicklung der Ereignisse vor die entscheidenden Fragen der revolutionären Aktion gestellt wurde. Diese Lage kann die französische Kommunistische Partei umso besser und in umso vollerem Maße ausnutzen, je entschiedener sie in der eigenen Mitte – besonders in den führenden Kreisen – die noch allzu starken Überbleibsel der nationalpazifistischen, parlamentarisch-reformistischen Ideologie beseitigt. Die Partei muss sich in größerem Maße nicht nur im Vergleich mit der Vergangenheit, sondern auch mit der Gegenwart den Massen und ihren am meisten unterdrückten Schichten in Stadt und Land nähern und die Leiden und Bedürfnisse dieser Massen klar und voll zum Ausdruck bringen. In ihrem parlamentarischen Kampfe muss die Partei entschieden mit jenen heuchlerischen Formalitäten des französischen Parlamentarismus und seinen verlogenen Höflichkeitsformen brechen, die von der Bourgeoisie bewusst unterstützt wurden, um die Vertreter der Arbeiterklasse einzuschüchtern und zu hypnotisieren. Die Vertreter der Kommunistischen Partei im Parlament müssen bestrebt sein, in ihrem streng kontrollierten Auftreten den Betrug des nationalistischen Demokratismus und des traditionellen Revolutionismus zu entlarven und jede Frage als eine Frage der Klasseninteressen und des unerbittlichen Klassenkampfes hinzustellen.
Die Agitation muss in der Praxis einen viel konzentrierteren und energischeren Charakter annehmen. Sie darf sich nicht in den veränderlichen und wechselvollen Situationen und Kombinationen der laufenden Politik auflösen. Sie muss aus allen Ereignissen, kleinen und großen, revolutionäre Grundfolgerungen ziehen und sie auch den zurückgebliebensten Arbeitermassen einprägen. Nur bei einer derartigen, wirklich revolutionären Haltung wird die Kommunistische Partei nicht einfach als der linke Flügel jenes radikalen, longuetistischen Blocks erscheinen, der mit immer größerer Energie und immer größerem Erfolge der bürgerlichen Gesellschaft seine Dienste anbietet, um sie zu schützen vor jenen Erschütterungen, die in Frankreich mit unabwendbarer Konsequenz herannahen. Unabhängig davon, ob diese entschiedenen revolutionären Ereignisse früher oder später eintreten werden, wird eine disziplinierte, von revolutionärem Willen ganz erfüllte Kommunistische Partei auch jetzt in der Epoche der Vorbereitung die Möglichkeit finden, die Arbeitermassen auf ökonomischer und politischer Grundlage zu mobilisieren, ihrem Kampfe einen weiteren und klareren Charakter zu geben.
Die Versuche revolutionärer, ungeduldiger und politisch unerfahrener Elemente, die die äußersten Methoden, die ihrem Wesen nach Methoden des entscheidenden revolutionären Aufstandes des Proletariats sind, bei einzelnen Fragen und Aufgaben anwenden wollen (der Vorschlag, den Jahrgang 19 aufzufordern, sich der Mobilisierung zu widersetzen) können im Falle ihrer Anwendung die wahrhaft revolutionäre Vorbereitung des Proletariats zur Eroberung der Macht auf lange Zeit vereiteln.
Die Kommunistische Partei Frankreichs, ebenso wie die Parteien aller anderen Länder haben zur Aufgabe, diese äußerst gefährlichen Methoden zu verwerfen. Diese Pflicht darf in keinem Falle die Partei zur Inaktivität veranlassen; ganz im Gegenteil.
Die verstärkte Verbindung der Partei mit den Massen bedeutet vor allem die engere Verknüpfung mit den Gewerkschaften. Die Aufgabe der Partei besteht nicht darin, dass die Gewerkschaften mechanisch äußerlich der Partei unterstellt werden und der durch den Charakter ihrer Arbeit erforderlichen Autonomie entsagen, sondern darin, dass die wahrhaft revolutionären, von der Kommunistischen Partei vereinigten und geleiteten Elemente im Rahmen der Gewerkschaften selbst der Arbeit derselben eine Richtung geben, die den allgemeinen Interessen des um die Eroberung der Macht kämpfenden Proletariats entspricht. Mit Rücksicht darauf ist die Kommunistische Partei Frankreichs verpflichtet, in freundschaftlicher, aber entschlossener und klarer Form mit einer Kritik gegen jene anarcho-syndikalistischen Tendenzen hervorzutreten, die die Diktatur des Proletariats verwerfen und die Notwendigkeit einer Vereinigung seines Vortruppes in einer zentralisierten, führenden Organisation, d.h. in der Kommunistischen Partei, verneinen. Auch jene syndikalistischen Übergangstendenzen, die hinter der Charte von Amiens verschanzt – die acht Jahre vor dem Kriege ausgearbeitet wurde – jetzt keine klare und offene Antwort auf grundlegende Fragen der neuen, auf den Krieg folgenden Epoche geben wollen, muss die Partei in gleicher Weise kritisieren.
Der sich in dem französischen Syndikalismus geltend machende Hass gegen das Politikastertum ist in erster Reihe der gerechtfertigte Hass gegen den traditionellen „sozialistischen“ Parlamentarier. Der rein revolutionäre Charakter der Kommunistischen Partei wird die Möglichkeit schaffen, allen revolutionären Elementen die Notwendigkeit der politischen Gruppierung zur Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse klar zu beweisen.
Die Verschmelzung der revolutionär-syndikalistischen mit der kommunistischen Organisation in ein Ganzes ist eine notwendige Bedingung jedes ernsthaften Kampfes des französischen Proletariats.
Sowohl die Überwindung und Beseitigung der Tendenzen zu verfrühter Aktion als auch die Bezwingung der prinzipiellen Formlosigkeit und des organisatorischen Separatismus der revolutionären Syndikalisten können und werden nur in dem Maße erreicht werden, wenn die Partei selbst – wie oben gesagt – durch wirklich revolutionäre Behandlung einer jeden Frage des alltäglichen Lebens und Kampfes sich in ein mächtiges Anziehungszentrum für die Arbeitermassen Frankreichs verwandelt.
In der Tschechoslowakeihaben sich die arbeitenden Massen in zweieinhalb Jahren zu einem großen Teil von den reformistischen und nationalistischen Illusionen befreit. Im September des vorigen Jahres trennte sich die Mehrheit der sozialdemokratischen Arbeiter von ihren reformistischen Führern. Im Dezember standen schon zirka eine Million Arbeiter von dreieinhalb Millionen industrieller Arbeiter der Tschechoslowakei inmitten einer revolutionären Massenaktion gegen die tschechoslowakische kapitalistische Regierung. Im Mai d. J. bildet sich die tschechoslowakische Kommunistische Partei mit 350.000 Mitgliedern neben der schon früher gebildeten deutschböhmischen Kommunistischen Partei, die 60.000 Mitglieder zählt. Die Kommunisten bilden somit nicht nur einen großen Teil des Proletariats der Tschechoslowakei, sondern auch seiner Gesamtbevölkerung. Die tschechoslowakische Partei steht jetzt vor der Aufgabe, durch eine wirklich kommunistische Agitation noch weitere Arbeitermassen heranzuziehen, die alten und neu gewonnenen Mitglieder durch eine klare und rücksichtslose kommunistische Propaganda zu schulen, durch die Vereinigung der Arbeiter aller Nationen der Tschechoslowakei eine geschlossene Front der Proletarier gegen den Nationalismus, dieses Hauptwerkzeug der Bourgeoisie in der Tschechoslowakei, zu bilden, und die so geschaffene Kraft des Proletariats in allen bevorstehenden Kämpfen gegen die niederdrückenden Tendenzen des Kapitalismus, gegen die Regierung zu stärken und zur unüberwindlichen Macht zu gestalten. Die Kommunistische Partei in der Tschechoslowakei wird diesen Aufgaben desto schneller Herr werden, wenn sie klar und entschlossen alle zentristischen Traditionen und Bedenken überwindet, und wenn sie eine Politik treibt, die die breitesten Massen des Proletariats revolutionär aufklärt, einheitlich zusammenschließt und so imstande ist, ihre Aktionen vorzubereiten und siegreich durchzuführen. Der Kongress beschließt, dass die tschechoslowakische und deutschböhmische Kommunistische Partei ihre Organisationen verschmelzen und zu einer einheitlichen Partei auszugestalten haben in einer Frist, die von der Exekutive zu bestimmen ist.
Die Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands, die entstand aus der Vereinigung des Spartakusbundes und den linken unabhängigen Arbeitermassen, steht, obwohl schon Massenpartei, vor der großen Aufgabe, ihren Einfluss auf die breiten Massen zu erhöhen und zu verstärken, die proletarischen Massenorganisationen, die Gewerkschaften, zu erobern, den Einfluss der sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsbürokratie zu brechen und in den kommenden Kämpfen des Proletariats Führerin der Massenbewegung zu werden. Diese ihre Hauptaufgabe erfordert die Einstellung der ganzen Agitations- und Organisationsarbeit auf die Eroberung der Sympathien der Mehrheit der Arbeiterschaft, ohne die bei der Macht des deutschen Kapitals kein Sieg des Kommunismus in Deutschland möglich ist. Dieser Aufgabe wurde die Partei weder, was die Breite der Agitation, noch was ihren Inhalt anbetrifft, bisher gerecht. Sie verstand auch nicht, konsequent den Weg zu bearbeiten, den sie durch den „offenen Brief“ betrat, den der Entgegenstellung der praktischen Interessen des Proletariats und der verräterischen Politik der sozialdemokratischen Parteien und der Gewerkschaftsbürokratie. Ihre Presse und ihre Organisation trägt noch zu sehr den Stempel der Vereins- und nicht der Kampforgane und -organisation. Die darin zum Ausdruck gelangten, noch nicht völlig überwundenen zentristischen Tendenzen führten einerseits dazu, dass die Partei, gestellt vor die Notwendigkeiten des Kampfes, zu ihm jäh, ohne genügende Vorbereitung überging, und dass sie nicht genügend die Notwendigkeit der geistigen Verbindung mit den nichtkommunistischen Massen im Auge behielt. Die Aktionsaufgaben, vor die die VKPD durch den Prozess der Zerrüttung der deutschen Wirtschaft, durch die Offensive des Kapitals gegen die Lebenshaltung der Arbeitermassen bald gestellt sein wird, können nur dann gelöst werden, wenn die Partei die Aufgaben der Agitation und Organisation denen der Aktion, der Tat, nicht entgegenstellt, sondern den Geist der Kampfbereitschaft in ihren Organisationen ständig wach hält, wenn sie ihre Agitation zu einer wirklich volkstümlichen macht, wenn sie ihre Organisation so aufbaut, dass sie durch ihre Verbindung mit den Massen die Fähigkeit in sich entwickelt, die Kampfsituationen aufs sorgfältigste abzuwägen und die Kämpfe sorgfältig vorzubereiten.
Die Parteien der Kommunistischen Internationale werden zu revolutionären Massenparteien, wenn sie den Opportunismus, seine Überreste und seine Traditionen, in ihren Reihen dadurch überwinden, dass sie sich eng mit den kämpfenden Arbeitermassen zu verbinden suchen, ihre Aufgaben aus den praktischen Kämpfen des Proletariats schöpfen, in diesen Kämpfen ebenso die opportunistische Politik der Vertuschung und Verkleisterung der unüberbrückbaren Gegensätze ablehnen und gleichzeitig jede revolutionäre Phrase ablehnen, die den Einblick in das reale Kräfteverhältnis verschließt, die Schwierigkeiten des Kampfes übersehen lässt. Die kommunistischen Parteien sind entstanden aus der Spaltung der alten sozialdemokratischen Parteien. Diese Spaltung war das Resultat der Tatsache, dass diese Parteien die Interessen des Proletariats im Kriege verraten haben und sich nach dem Kriege durch Bündnisse mit der Bourgeoisie oder durch eine zaghafte, jedem Kampfe ausweichende Politik weiter verraten. Die Parolen und die Grundsätze der kommunistischen Parteien bilden den einzigen Boden, auf dem die Arbeitermasse sich wieder vereinigen kann; denn sie drücken die Notwendigkeiten des proletarischen Kampfes aus. Weil dem so ist, sind es jetzt die sozialdemokratischen und die zentristischen Parteien und Richtungen, die die Atomisierung und Teilung des Proletariats darstellen, während die kommunistischen Parteien das Element seiner Sammlung bilden. In Deutschland waren es die Zentristen, die sich von der Mehrheit ihrer Partei getrennt haben, als sich diese zum Banner des Kommunismus bekannten. Aus Angst vor dem einigenden Einfluss des Kommunismus haben die Sozialdemokraten und unabhängigen Sozialdemokraten Deutschlands wie die sozialdemokratische Gewerkschaftsbürokratie es abgelehnt, in gemeinsamen Aktionen zur Verteidigung der einfachsten Interessen des Proletariats mit den Kommunisten zusammenzugehen. In der Tschechoslowakei waren es die Sozialdemokraten, die die alte Partei gesprengt haben, als sie den Sieg des Kommunismus nahen sahen, in Frankreich trennten sich die Longuetisten von der Mehrheit der französischen sozialistischen Arbeiter, während die Kommunistische Partei auf die Vereinigung der sozialistischen und syndikalistischen Arbeiter hinwirkt. In England sind es die Reformisten und Zentristen, die die Kommunisten aus Angst vor ihrem Einfluss aus der Labour Party herausdrängen und die den Zusammenschluss der Arbeiter in ihrem Kampfe gegen die Kapitalisten immer wieder sabotieren. Die kommunistischen Parteien werden so zu Trägern des Vereinigungsprozesses des Proletariats auf dem Boden des Kampfes um seine Interessen, und sie werden aus diesem Bewusstsein ihrer Rolle neue Kräfte sammeln.


5.

Teilkämpfe und Teilforderungen.


Die kommunistischen Parteien können sich nur im Kampfe entwickeln. Selbst die kleinsten kommunistischen Parteien dürfen sich nicht auf bloße Propaganda und Agitation beschränken. Sie haben in allen Massenorganisationen des Proletariats die Vorhut zu bilden, die den zurückgebliebenen, schwankenden Massen durch die Formulierung praktischer Kampfvorschläge, durch das Drängen zum Kampfe um alle Lebensnotwendigkeiten des Proletariats zeigen, wie man kämpfen soll und auf diese Weise den verräterischen Charakter aller nichtkommunistischen Parteien den Massen enthüllen. Nur indem die Kommunisten sich an die Spitze der praktischen Kämpfe des Proletariats zu stellen verstehen, nur indem sie diesen Kampf fördern, können sie in Wirklichkeit große Massen des Proletariats für den Kampf um die Diktatur gewinnen.
Die gesamte Agitation und Propaganda, die sämtliche Arbeit der kommunistischen Parteien muss erfüllt sein von dem Bewusstsein, dass auf dem Boden des Kapitalismus keine dauerhafte Besserung der Lage der Masse des Proletariats möglich ist, dass nur die Niederwerfung der Bourgeoisie, die Zertrümmerung des kapitalistischen Staates die Möglichkeit gibt, an die Besserung der Lage der Arbeiterklasse zu schreiten, den Wiederaufbau der vom Kapitalismus zertrümmerten Volkswirtschaft in Angriff zu nehmen. Aber diese Einsicht darf sich nicht ausdrücken in dem Verzicht auf den Kampf um die aktuellen, unaufschiebbaren Lebensnotwendigkeiten des Proletariats, bis es fähig sein wird, sie durch seine Diktatur zu verfechten.Die Sozialdemokratie, die jetzt in der Periode des Zusammenbruchs und Zerfalls des Kapitalismus, in der Zeit, wo der Kapitalismus nicht mehr imstande ist, den Arbeitern sogar das Leben satt gefütterter Sklaven zu sichern, das alte sozialdemokratische Programm der friedlichen Reformenaufstellt, der Reformen, die auf dem Boden, in dem Rahmen des bankrotten Kapitalismus mit friedlichen Mitteln durchgeführt werden sollen, betrügt bewusst die arbeitenden Massen. Nicht nur ist der Kapitalismus in der Periode des Verfalls unfähig, den Arbeitern irgendwelche menschliche Lebensbedingungen zu sichern, sondern die Sozialdemokraten, die Reformisten aller Länder beweisen jeden Tag, dass sie nicht gewillt sind, auch um die bescheidensten Forderungen, die in ihrem Programm aufgestellt sind, irgendeinen Kampf zu führen. Einen ebensolchen Betrug der Volksmassen bildet die Forderung der Sozialisierung oder Nationalisierungder wichtigsten Industriezweige, wie sie von den zentristischenParteienaufgestellt wird. Nicht nur führten die Zentristen die Massen irre, indem sie ihnen einzureden suchen, dass die Allgemeinheit die wichtigsten Industriezweige den Händen des Kapitals entreißen kann, ohne dass die Bourgeoisie besiegt wird, sondern sie suchen die Arbeiter von dem wirklichen, lebendigen Kampf um ihre nächsten Bedürfnisse abzulenken durch die Hoffnung der allmählichen Besitzergreifung eines Industriezweiges nach dem anderen, worauf erst der „planmäßige“ Wirtschaftsaufbau beginnen würde. Sie gelangen so zurück zum sozialdemokratischen Minimalprogrammder Reform des Kapitalismus, das sich in offenkundigen konterrevolutionären Betrug verwandelt hat. Insoweit bei der Aufstellung des Nationalisierungsprogramms, z. B. bei der Kohlenindustrie, bei einem Teil der Zentristen der lassalleanische Gedanke eine Rolle spielt, alle Energien des Proletariats auf eine einzige Forderung zu richten, um sie zum Hebel einer revolutionären Aktion zu machen, die in ihrer Entwicklung zum Kampfe um die Macht führen würde, so haben wir es hier mit einer leblosen Planmacherei zu tun; die Arbeiterklasse leidet jetzt in allen kapitalistischen Staaten unter so vielen, so schrecklichen Geißeln, dass es unmöglich ist, den Kampf gegen all diese erdrückenden Lasten, auf sie niedersausenden Schläge auf einen doktrinär ausgeklügelten Gegenstand zu konzentrieren. Umgekehrt gilt es, jedesBedürfnis der Massen zum Ausgangspunkt der revolutionären Kämpfe zu nehmen, die erst vereint den mächtigen Strom der sozialen Revolution bilden. – Die kommunistischen Parteien stellen für diese Kämpfe kein Minimalprogrammauf, das auf dem Boden des Kapitalismus seinen wankenden Bau stärken und verbessern soll. Die Zertrümmerung dieses Baues bleibt ihr leitendes Ziel – bleibt ihre aktuelle Aufgabe. Um aber diese Aufgabe zu erfüllen, haben die kommunistischen Parteien Forderungen aufzustellen, deren Erfüllung ein sofortiges, unaufschiebbares Bedürfnis der Arbeiterklasse bildet, und sie haben diese Forderungen im Kampfe der Massen zu verfechten, unabhängig davon, ob sie mit der Profitwirtschaft der kapitalistischen Klasse vereinbar sind oder nicht.
Nicht die Existenz- und Konkurrenzfähigkeit der kapitalistischen Industrie, noch die Tragfähigkeit der kapitalistischen Finanzwirtschaft sollen die kommunistischen Parteien beachten, sondern die Grenzen der Not, die das Proletariat nicht ertragen kann und nicht ertragen darf. Wenn die Forderungen dem lebhaften Bedürfnis breiter proletarischer Massen entsprechen, wenn diese Massen von dem Empfinden erfüllt sind, dass sie ohne Verwirklichung dieser Forderungen nicht existieren können, dann werden die Kämpfe um diese Forderungen zu Ausgangspunkten des Kampfes um die Macht. An Stelle des Minimalprogrammes der Reformisten und Zentristen setzt die Kommunistische Internationale den Kampf um konkrete Bedürfnisse des Proletariats. um ein System von Forderungen, die in ihrer Gesamtheit die Macht der Bourgeoisie zersetzen, das Proletariat organisieren, Etappen im Kampfe um die proletarische Diktatur bilden und deren jede für sich dem Bedürfnis der breitesten Massen Ausdruck verleiht, auch wenn diese Massen noch nicht bewusst auf dem Boden der proletarischen Diktatur stehen.
In dem Maße, wie der Kampf um diese Forderungen immer größere Massen umfasst und mobilisiert, in dem Maße, wie dieser Kampf die Lebensnotwendigkeiten der Massen den Lebensnotwendigkeiten der kapitalistischen Gesellschaft entgegenstellt, wird die Arbeiterklasse sich bewusst werden, dass, wenn sie leben soll, der Kapitalismus sterben muss; dieses Bewusstsein ist die Grundlage des Willens zum Kampfe um die Diktatur. Es ist die Aufgabe der kommunistischen Parteien, diese unter der Losung konkreter Forderungen sich entwickelnden Kämpfe auszubreiten, zu vertiefen und zu verbinden. Jede Teilaktion, die von den arbeitenden Massen zwecks Erreichung einer Teilforderung unternommen wird, jeder ernstere ökonomische Streik mobilisiert zugleich die ganze Bourgeoisie, die als Klasse sich zur Seite der bedrohten Teile der Unternehmer stellt, um jeden, auch nur teilweisen Sieg des Proletariats unmöglich zu machen (technische Nothilfe, bürgerliche Streikbrecher im englischen Eisenbahnerstreik, Faschisten). Die Bourgeoisie mobilisiert auch ihre ganze Staatsmaschine zum Kampfe gegen die Arbeiter (Militarisierung der Arbeiter in Frankreich und in Polen, Ausnahmezustand während des Bergarbeiterstreiks in England). Die Arbeiter, die um ihre Teilforderungen kämpfen, werden automatisch zum Kampf mit der ganzen Bourgeoisie und ihrem Staatsapparat gezwungen. In dem Maße, wie die Kämpfe um Teilforderungen, wie die Teilkämpfe einzelner Gruppen der Arbeiter sich auswachsen zum allgemeinen Kampf der Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus, hat die kommunistische Partei auch ihre Losungen zu steigern, zu verallgemeinern bis zur Losung der direkten Niederwerfung des Gegners. Bei der Aufstellung ihrer Teilforderungen haben die kommunistischen Parteien darauf zu achten, dass diese in dem Bedürfnis der breitesten Massen verankerten Forderungen nicht nur diese Massen in den Kampf führen, sondern auch, dass sie ihrem Wesen nach die Massen organisierende Forderungensind. Alle konkreten Losungen, die den wirtschaftlichen Nöten der Arbeitermassen entspringen, müssen hinein geleitet werden in das Bett des Kampfes um die Kontrolle der Produktionnicht als eines Planes der bürokratischen Organisation der Volkswirtschaft unter dem Regime des Kapitalismus, sondern des Kampfes gegen den Kapitalismus durch die Betriebsräte wie die revolutionären Gewerkschaften. Nur durch den Ausbau solcher Organisationen, nur durch ihre Verbindung nach Industriezweigen und Industriezentren kann der Kampf der Arbeitermassen organisatorisch vereinheitlicht werden, kann der Spaltung der Masse durch die Sozialdemokratie und die Gewerkschaftsführer Widerstand geleistet werden. Die Betriebsräte werden diese Aufgabe erfüllen, nur wenn sie im Kampfe um wirtschaftliche Ziele entstehen, die den breitesten Massen der Arbeiter gemeinsam sind, nur wenn sie die Verbindung schaffen zwischen allen revolutionären Teilen des Proletariats: zwischen der kommunistischen Partei, den revolutionären Arbeitern und den sich in revolutionärer Entwicklung befindenden Gewerkschaften.
Jeder Einwand gegen die Aufstellung solcher Teilforderungen, jede Anklage des Reformismus wegen dieser Teilkämpfe ist ein Ausfluss derselben Unfähigkeit, die lebendigen Bedingungen der revolutionären Aktion zu erfassen, wie sie zum Ausdruck kam in der Gegnerschaft einzelner kommunistischer Gruppen gegen die Teilnahme an den Gewerkschaften, gegen die Ausnützung des Parlamentarismus. Nicht darauf kommt es an, dem Proletariat nur die Endziele zuzurufen, sondern den praktischen Kampf zu steigern, der allein imstande ist, das Proletariat zum Kampfe um die Endziele zu führen. Wie sehr die Einwände gegen die Teilforderungen unbegründet und fremd den Bedürfnissen des revolutionären Lebens sind, das beweist am besten die Tatsache, dass sogar die kleinen Organisationen, die von den so genannten linken Kommunisten als Zufluchtsstätte der reinen Lehre gebildet worden sind, genötigt waren, Teilforderungen aufzustellen, wenn sie überhaupt versuchen wollen, breitere Arbeitermassen in den Kampf hineinzuziehen, als die, die sich um sie scharen oder, wenn sie gewillt sind, teilzunehmen an dem Kampfe breiter Volksmassen, um sie beeinflussen zu können. Das revolutionäre Wesen der jetzigen Epoche besteht eben darin, dass die bescheidensten Lebensbedingungen der Arbeitermassen unvereinbar sind mit der Existenz der kapitalistischen Gesellschaft, dass darum der Kampf auch um die bescheidensten Forderungen sich auswächst zum Kampf um den Kommunismus.
Während die Kapitalisten die immer mehr anwachsende Armee der Arbeitslosen zum Drucke auf die organisierte Arbeit zwecks Herabdrückung des Arbeitslohnes benutzen, halten sich die Sozialdemokraten, Unabhängigen und die offiziellen Führer der Gewerkschaften feigerweise fern von den Arbeitslosen, sie nur als Objekt der staatlichen und gewerkschaftlichen Wohltätigkeit betrachtend, und werten sie politisch als Lumpenproletariat. Die Kommunisten müssen sich klar darüber sein, dass unter den jetzigen Verhältnissen das Heer der Arbeitslosen ein revolutionärer Faktor von riesiger Bedeutung ist. Die Leitung dieser Armee müssen die Kommunisten auf sich nehmen. Durch Druck der Arbeitslosen auf die Gewerkschaften müssen die Kommunisten die Erneuerung der letzteren und in erster Reihe ihre Befreiung von den verräterischen Führern beschleunigen. Die Kommunistische Partei wird dadurch, dass sie die Arbeitslosen im Kampfe für den sozialistischen Umsturz mit dem Vortrupp des Proletariats vereinigt, die am meisten revolutionären und ungeduldigen Elemente der Arbeitslosen von einzelnen Verzweiflungsakten abhalten und die ganze Masse fähig machen, bei günstigen Bedingungen den Angriff einer Gruppe der Arbeiterschaft tätig zu unterstützen, über den Rahmen des gegebenen Konfliktes hinaus zu entwickeln, diesen Konflikt zum Ausgangspunkt einer entscheidenden Offensive zu machen, mit einem Wort so, dass diese ganze Masse aus einer Reservearmee der Industrie zu einer aktiven Armee der Revolution wird.
Indem sich die kommunistischen Parteien mit der größten Energie dieser Arbeiterschicht annehmen, indem sie in die Tiefen der Arbeiterklasse hinabsteigen, vertreten sie nicht die Interessen einer Arbeiterschicht gegen die andere, sondern vertreten damit das Gesamtinteresse der Arbeiterklasse, das die konterrevolutionären Führer verraten um der Augenblicksinteressen der Arbeiteraristokratie willen: je breiter die Schicht der Arbeitslosen, Kurzarbeiter usw. wird, um so mehr verwandelt sich ihr Interesse in das Gesamtinteresse der Arbeiterklasse, um so mehr müssen die vorübergehenden Interessen der Arbeiteraristokratie diesen Gesamtinteressen untergeordnet werden. Die Einstellung, die sich stützt auf die Interessen der Arbeiteraristokratie, um sie feindlich gegen die Arbeitslosen zu kehren oder um die Arbeitslosen im Stiche zu lassen, zerreißt die Arbeiterklasse und ist der Wirkung nach gegenrevolutionär. Die Kommunistische Partei als Vertreterin des Gesamtinteresses der Arbeiterklasse kann sich nicht darauf beschränken, dieses Gesamtinteresse zu erkennen und es propagandistisch geltend zu machen. Sie kann es wirksam nur vertreten, indem sie unter Umständen auch das Gros der am meisten gedrückten und verelendeten Arbeiterschaft gegen den Widerstand der Arbeiteraristokratie in den Kampf führt.


6.

Die Vorbereitung des Kampfes.


Der Charakter der Übergangsepoche macht es allen kommunistischen Parteien zur Pflicht, ihre Kampfbereitschaft auf das Höchste zu steigern. Jeder einzelne Kampf kann ausmünden in den Kampf um die Macht. Die Kampfbereitschaft der Partei kann nur dann ausgebildet werden, wenn die Partei ihrer gesamten Agitation den Charakter des leidenschaftlichen Angriffes auf die kapitalistische Gesellschaft verleiht, wenn sie versteht, in dieser Agitation sich mit den breitesten Massen des Volkes zu verbinden, so zu ihnen zu sprechen, dass sie die Überzeugung gewinnen können, unter Führung einer wirklich um die Macht ringenden Vorhut zu stehen. Nicht Vereinsorgane, die theoretisch die Richtigkeit des Kommunismus beweisen, sondern Weckrufe der proletarischen Revolution müssen die Presseorgane und die Aufrufe der kommunistischen Partei sein. Die Tätigkeit der Kommunisten in den Parlamenten hat nicht der Diskussion mit dem Feinde, nicht seiner Überzeugung zu dienen, sondern einer rücksichtslosen, unbarmherzigen Entlarvung, der Entlarvung der Agenten der Bourgeoisie, der Aufrüttelung des Kampfwillens der Arbeitermassen und der Heranziehung halbproletarischer kleinbürgerlicher Volksschichten an das Proletariat. Unsere Organisationsarbeit in den Gewerkschaften wie in den Parteiorganisationen darf nicht nur dem mechanischen Aufbau dienen, der rein zahlenmäßigen Vergrößerung unserer Reihen, sie muss erfüllt sein von dem Bewusstsein der kommenden Kämpfe. Nur wenn die Partei in allen ihren Lebensäußerungen und in allen ihren Organisationsformen der verkörperte Wille zum Kampfe sein wird, wird sie imstande sein, ihre Aufgabe zu erfüllen in den Momenten, wo die Bedingungen für größere Kampfaktionen vorhanden sein werden.
Wo die kommunistische Partei eine Massenkraft darstellt, wo sich über die Rahmen ihrer Parteiorganisation ihr Einfluss auf breitere Massen der Arbeiter erstreckt, dort hat sie die Pflicht, die Arbeitermassen durch die Tat zum Kampfe zu wecken. Große Massenparteien können sich nicht damit begnügen, das Versagen anderer Parteien zu kritisieren, ihren Forderungen die kommunistischen entgegenzusetzen. Auf ihnen, als einer Massenpartei, ruht selbständig die Verantwortung für die Entwicklung der Revolution. Wo die Lage der Arbeitermasse immer unerträglicher wird, haben die kommunistischen Parteien alles zu versuchen, um die Arbeitermassen in den Kampf um ihre Interessen zu bringen. Angesichts dessen, dass in Westeuropa und Amerika, wo die Arbeitermassen in Gewerkschaften und politischen Parteien organisiert sind, wo also bis auf weiteres auf spontane Bewegungen nur in sehr seltenen Fällen zu rechnen ist, haben die kommunistischen Parteien die Pflicht, zu versuchen, durch die Aufbietung ihres Einflusses in den Gewerkschaften, durch die Erhöhung des Druckes auf andere sich auf die Arbeitermassen stützende Parteien die gemeinsame Entfachung des Kampfes um die nächstliegenden Interessen des Proletariats anzustreben, wobei, falls die nichtkommunistischen Parteien in diesen Kampf hineingezwungen werden, die Aufgabe der Kommunisten darin besteht, die Arbeitermassen von vornherein auf die Möglichkeit des Verrats seitens der nichtkommunistischen Parteien in einem nachfolgenden Stadium des Kampfes vorzubereiten, die Situation möglichst zu verschärfen und weiter zu treiben, um befähigt zu sein, den Kampf eventuell selbständig weiterzuführen (vergl. den Offenen Brief der VKPD, der als Ausgangspunkt für Aktionen vorbildlich sein kann). Genügt der Druck der kommunistischen Partei in den Gewerkschaften, in der Presse nicht, um das Proletariat in einheitlicher Front in den Kampf hineinzuführen, so ist es die Pflicht der kommunistischen Partei, zu versuchen, selbständig große Teile der Arbeitermassen in den Kampf zu führen.
Diese selbständige Politik der Verteidigung der Lebensinteressen des Proletariats durch den aktivsten, klassenbewusstesten Teil wird dann von Erfolg sein, wird dann zur Aufrüttelung der zurückgebliebenen Massen führen, wenn die Ziele des Kampfes aus den konkreten Situationen herauswachsen, wenn sie den breiten Massen verständlich sind, wenn die breiten Massen in diesen Zielen auch die ihren sehen, obwohl sie noch nicht fähig sind, für sie zu kämpfen.
Die kommunistische Partei hat sich jedoch nicht nur auf die Abwehr der dem Proletariat drohenden Gefahren, auf die Abwehr der auf die Arbeitermassen niedersausenden Schläge zu begrenzen. Die kommunistische Partei ist in der Periode der Weltrevolution ihrem Wesen nach die Partei des Angriffs, des Ansturms auf die kapitalistische Gesellschaft; sie ist verpflichtet, jeden Abwehrkampf, wenn er nur in die Tiefe und Breite wächst, zu einem Angriff auf die kapitalistische Gesellschaft auszuweiten. Sie hat auch die Pflicht, alles zu tun, um die Arbeitermassen zu diesem Angriff direkt zu führen, wo nur die Bedingungen hierzu vorhanden sind. Wer prinzipiell gegen die Politik der Offensive gegen die kapitalistische Gesellschaft auftritt, der verstößt gegen die Grundsätze des Kommunismus.
Diese Bedingungen bestehen erstens in der Verschärfung der Kämpfe im Lager der Bourgeoisie selbst, im nationalen und internationalen Rahmen. Wenn die Kämpfe im Lager der Bourgeoisie ein Ausmaß angenommen haben, das Aussichten eröffnet, dass die Arbeiterklasse mit geteilten und getrennten Kräften des Gegners zu tun haben wird, so hat die Partei die Initiative zu ergreifen, um nach sorgfältiger, politischer und womöglich organisatorischer Vorbereitung die Massen in den Kampf zu führen. Die zweite Bedingung für offensive Vorstöße, Angriffe in breiter Front, bildet große Gärung in den ausschlaggebenden Kategorien der Arbeiterklasse, die die Aussicht eröffnet, dass die Arbeiterklasse bereit sein wird, in allgemeiner Front gegen die kapitalistische Regierung zu kämpfen. Während es notwendig ist, beim Wachstum der Bewegung in die Breite die Kampflosungen zu steigern, ist es gleichermaßen eine Pflicht der kommunistischen Kampfleitung, falls die Bewegung einen rückläufigen Gang annimmt, die kämpfenden Massen möglichst geordnet und geschlossen aus dem Kampf herauszuführen.
Ob die kommunistische Partei defensiv oder offensiv kämpft, das hängt von den konkreten Umständenab. Das wichtigste ist, dass sie von dem Geist der Kampfbereitschaft erfüllt ist und die zentristische Passivität, die notwendigerweise sogar die Propaganda der Partei ins halb reformistische Fahrwasser lenkt, durch den Kampf überwindet. Dieser Geist der ständigen Kampfbereitschaft muss das Kennzeichen der kommunistischen Massenparteien nicht nur darum bilden, weil auf ihnen, als Massenparteien, die Pflicht des Kampfes liegt, sondern auch angesichts der gesamten jetzigen Lage, die einen Zerfall des Kapitalismus und wachsende Verelendung der Massen darstellt. Es gilt, die Periode des Zerfalls abzukürzen, wenn in ihr nicht alle materiellen Grundlagen des Kommunismus vernichtet und die Energie der Arbeitermassen nicht zermürbt werden sollen.


7.

Die Lehren der Märzaktion.


Die Märzaktion war ein der VKPD durch den Angriff der Regierung auf das mitteldeutsche Proletariat aufgezwungener Kampf.
In diesem ersten großen Kampfe, den sie nach ihrer Gründung zu bestehen hatte, machte die VKPD eine Reihe von Fehlern, von denen der wichtigste darin bestand, dass sie den defensiven Charakter des Kampfes nicht klar hervorhob, sondern durch den Ruf von der Offensive den gewissenlosen Feinden des Proletariats, der Bourgeoisie, der SPD und der USPD Anlass gab, die VKPD als Anzettlerin von Putschen dem Proletariat zu denunzieren. Dieser Fehler wurde von einer Anzahl von Parteigenossen gesteigert, indem sie die Offensive als die hauptsächlichste Methode des Kampfes der VKPD in der jetzigen Situation darstellten. Gegen diesen Fehler sind offizielle Organe der Partei, wie ihr Vorsitzender, Genosse Brandler, aufgetreten. Der III. Kongress der Kommunistischen Internationale hält die Märzaktion der VKPD als einen Schritt vorwärts. Die Märzaktion war ein heldenhafter Kampf von Hunderttausenden Proletariern gegen die Bourgeoisie. Und indem die VKPD sich mutig an die Spitze stellte zur Verteidigung der mitteldeutschen Arbeiter, hat sie bewiesen, dass sie die Partei des revolutionären Proletariats Deutschlands ist. Der Kongress ist der Meinung, dass die VKPD desto erfolgsicherer ihre Massenaktionen durchzuführen in der Lage sein wird, wenn sie in der Zukunft ihre Kampflosungen den wirklichen Situationen besser anpasst, diese Situationen auf das Sorgfältigste studiert und die Aktionen in der einheitlichsten Weise durchführt.
Die VKPD muss im Interesse der sorgfältigen Abwägung der Kampfesmöglichkeiten aufmerksam die Tatsachen und Erwägungen berücksichtigen, die auf Schwierigkeiten der Aktionen hinweisen und sie auf ihre Berechtigung sorgfältig prüfen. Aber sobald eine Aktion von den Parteibehörden beschlossen wird, haben sich alle Genossen den Beschlüssen der Partei zu fügen und diese Aktionen durchzuführen. Die Kritik an Aktionen darf nur nach ihrem Abschluss beginnen, sie darf nur in Parteiorganisationen und Parteiorganen geübt werden und muss Rücksicht nehmen auf die Lage, in der sich die Partei dem Klassengegner gegenüber befindet. Da Levi diese selbstverständlichen Forderungen der Parteidisziplin und die Bedingungen der Parteikritik missachtet hat, heißt der Kongress seinen Ausschluss aus der Partei gut und hält jede politische Mitarbeit der Mitglieder der Kommunistischen Internationale mit ihm für unzulässig.


8.

Formen und Mittel des direkten Kampfes.


Die Formen und die Mittel des Kampfes, sein Umfang, sind ebenso wie die Frage der Offensive oder Defensive an bestimmte Bedingungen, die nicht willkürlich zu schaffen sind, gebunden. Die bisherigen Erfahrungen der Revolution zeigen verschiedene Formen der Teilaktionen.
1. Teilaktionen einzelner Schichten der Arbeiterschaft (die Aktion der Bergarbeiter, der Eisenbahner usw. in Deutschland, England, der Landarbeiter usw.).
2. Teilaktionen der gesamten Arbeiterschaft für begrenzte Ziele (die Aktion in den Kapp-Tagen, die Aktion der englischen Bergarbeiterschaft gegen das militärische Eingreifen der englischen Regierung in den russisch-polnischen Krieg).
Die örtliche Ausbreitung dieser Teilkämpfe umfasst einzelne Bezirke, ganze Länder oder mehrere Länder zugleich.
Alle diese Formen des Kampfes werden im Verlauf der Revolution in jedem Lande vielmals sich gegenseitig ablösen. Die kommunistische Partei kann natürlich auch auf territorial begrenzte Teilaktionennicht verzichten, ihr Bestreben aber muss darauf gerichtet sein, jeden größeren lokalen Kampf des Proletariats in einen allgemeinen Kampf zu verwandeln. So wie sie verpflichtet ist, zur Verteidigung der kämpfenden Arbeiter eines Industriezweiges womöglich die gesamte Arbeiterklasse aufzubieten, so ist sie verpflichtet, zur Verteidigung der lokal kämpfenden Arbeiter womöglich die Arbeiter der anderen Industriezentren auf die Beine zu bringen. Die Erfahrung der Revolution zeigt, dass, je größer das Kampfterrain ist, desto größer die Aussichten auf den Sieg sind. Die Bourgeoisie stützt sich in ihrem Kampfe gegen die sich entwickelnde Weltrevolution einerseits auf die weißgardistischen Organisationen, andererseits auf die Tatsachen der Atomisierung der Arbeiterklasse, auf die Tatsache der sich sehr langsam bildenden proletarischen Front. Je größer die Massen des Proletariats sind, die in den Kampf treten, je größer das Kampfterrain, desto mehr muss der Feind seine Kräfte verteilen und zersplittern. Selbst wenn die einem bedrängten Teil des Proletariats zur Hilfe eilenden anderen Teile der Arbeiterklasse momentan nicht fähig sind, ihn mit Einsetzung ihrer gesamten Kraft zu unterstützen, nötigt ihr bloßer Aufmarsch die Kapitalisten, ihre militärischen Kräfte zu teilen, denn sie können nicht wissen, wie weit sich die Teilnahme des anderen Teils des Proletariats am Kampfe ausdehnt und verschärft.
Im Laufe des vergangenen Jahres, in dem wir die immer unverschämter werdende Offensive des Kapitals gegen die Arbeit sehen, beobachten wir in allen Ländern, dass die Bourgeoisie, sich mit der normalen Arbeit ihrer Staatsorgane nicht zufrieden gebend, legale und halblegale, aber unter Staatsschutz stehende weißgardistische Organisationen schafft, die bei einem jeden großen ökonomischen und wirtschaftlichen Zusammenstoße eine entscheidende Rolle spielen.
In Deutschland ist dies die Orgesch, unterstützt von der Regierung, die Parteien aller Schattierungen in sich einschließt – von Stinnes bis Scheidemann.
In Italien sind es die Faschisten, deren Räuberheldentaten einen jähen Wechsel in der Stimmung der Bourgeoisie hervorbrachten und den Schein einer völligen Änderung der politischen Kräfteverhältnisse schufen.
In England wendete sich die Regierung Lloyd Georges – der Streikgefahr gegenüberstehend – an die Freiwilligen, deren Aufgabe es ist, das Eigentum, die „Freiheit der Arbeit“, zu schützen, bald durch Ersetzung der Streikenden, bald aber durch Zerstörung ihrer Organisationen.
In Frankreich führt die leitende, halbamtliche Zeitung „Temps“, offenbar durch die Clique Millerands inspiriert, eine energische Propaganda im Interesse der Entwicklung der schon vorhandenen „bürgerlichen Ligen“ und Verpflanzung der Methoden des Faschismus auf französischen Boden.
Die Organisationen der Streikbrecher und Mörder, die seit jeher das Regime der amerikanischen Freiheit ergänzten, erhielten jetzt in der aus dem Auswurf des Krieges angeworbenen amerikanischen Legion ein leitendes Organ.
Die Bourgeoisie, die auf ihre Kraft pocht und sich mit ihrer Festigkeit brüstet, weiß in der Person ihrer leitenden Regierungen vollkommen, dass sie nur eine Atempause erhielt und dass unter den jetzigen Verhältnissen ein jeder Riesenstreik die Tendenz hat, sich in einen Bürgerkrieg und in einen unmittelbaren Kampf um die Macht umzuwandeln.
Im Kampfe des Proletariats gegen die Offensive des Kapitals ist es Pflicht der Kommunisten, nicht nur die ersten Plätze innezuhaben und die Kämpfenden bis zur Erfassung der revolutionären Grundaufgaben zu erheben, sondern sie sind auch verpflichtet, sich auf die besten, aktivsten Elemente in den Betrieben und den Gewerkschaften stützend, ihre eigenen Arbeitertrupps und Abwehrorganisationen zu schaffen, die den Faschisten Widerstand leisten und der Jeunesse dorée der Bourgeoisie die Verhetzung der Streikenden abgewöhnen können.
Mit Rücksicht auf die außergewöhnliche Bedeutung der konterrevolutionären Stoßtrupps muss die Kommunistische Partei, besonders durch ihre Zellen in den Gewerkschaften, dieser Frage eine außerordentliche Aufmerksamkeit widmen, einen gründlichen Aufklärungs- und Verbindungsdienst organisieren, die Kampforgane und Kräfte der Weißgardisten, ihre Stäbe, Waffenlager, die Verbindung dieser Stäbe mit der Polizei, der Presse und den politischen Parteien, unter ständiger Beobachtung halten und alle notwendigen Einzelheiten der Verteidigung und des Gegenstoßes von vornherein ausarbeiten.
Die Kommunistische Partei muss den breitesten Schichten des Proletariats das Verständnis durch Wort und Tat einflößen, dass ein jeder wirtschaftliche oder politische Konflikt – bei entsprechender Kombination der Verhältnisse – sich in einen Bürgerkrieg entfalten kann, im Laufe dessen es zur Aufgabe des Proletariats wird, die Staatsmacht zu erobern.
Die Kommunistische Partei hat gegenüber den Akten des weißen Terrors und dem Wüten der weißen Schandjustiz in dem Proletariat den Gedanken wach zu halten, dass es sich in der Zeit der Erhebung von den Appellen des Gegners an seine Milde nicht betrügen lassen soll, sondern durch Akte organisierter Volksjustiz der proletarischen Gerechtigkeit Ausdruck gewähre und mit den Peinigern des Proletariats abrechne. Aber in Momenten, wo das Proletariat sich erst im Aufmarsch befindet, wo es sich erst darum handelt, es durch Agitation, durch politische Kampagnen, durch Streiks zu mobilisieren, haben der Waffengebrauch und die Akte der Sabotage nur dann Zweck, wenn sie zur Verhinderung der Truppentransporte gegen kämpfende Proletariermassen dienen oder um den Gegner im direkten Kampfe wichtige Positionen zu entreißen. Persönliche terroristische Akte, wie sehr sie als Beweissymptome der revolutionären Empörung anzusehen sind, wie sehr sie zu verteidigen sind gegen die Lynchjustiz der Bourgeoisie und ihrer sozialdemokratischen Lakaien, sind keinesfalls geeignet, die proletarische Organisiertheit und Kampfbereitschaft zu erhöhen, da sie in den Massen die Illusion erwecken, die Heldentaten Einzelner könnten den revolutionären Kampf des Proletariats ersetzen.


9.

Das Verhältnis zu den proletarischen Mittelschichten.


In Westeuropa gibt es keine andere große Klasse, die neben dem Proletariat zum ausschlaggebenden Faktor der Weltrevolution werden könnte, wie es in Russland der Fall war, wo das Bauerntum durch den Krieg und Landhunger von vornherein zum ausschlaggebenden revolutionären Kampffaktor neben der Arbeiterklasse wurde. Aber auch in Westeuropa werden Teile des Bauerntums, große Teile des städtischen Kleinbürgertums, wird die breite Schicht des so genannten neuen Mittelstandes, Angestellte usw. in mehr und mehr unerträgliche Lebensbedingungen gestellt. Unter dem Druck der Teuerung, der Wohnungsnot, der Unsicherheit ihrer Lage werden diese Massen von einer Gärung ergriffen, die sie aus ihrer politischen Inaktivität aufscheucht und in den Kampf der Revolution und Konterrevolution hineinzieht. Der Bankrott des Imperialismus in den besiegten Ländern, der Bankrott des Pazifismus und der sozialreformistischen Bestrebungen in den siegreichen Ländern, treibt einen Teil dieser Mittelschichten teils ins Lager der offenen Konterrevolution, teils in das Lager der Revolution. Die kommunistische Partei ist verpflichtet, diesen Schichten ihre ununterbrochene Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Gewinnung des Kleinbauerntums für die Ideen des Kommunismus ist zusammen mit der Gewinnung und Organisation der Landarbeiter eine der wichtigsten Vorbedingungen des Sieges der proletarischen Diktatur, denn sie erlaubt, die Revolution von den industriellen Zentren ins flache Land zu tragen und schafft für sie die wichtigsten Stützpunkte zur Lösung der Lebensmittelfrage, die die Lebensfrage der Revolution ist. Die Eroberung irgendwelcher umfangreicher Kreise der kaufmännischen, technischen Angestellten, der unteren und mittleren Beamten und der Intellektuellen, würde es der proletarischen Diktatur erleichtern, in der Zeit des Überganges vom Kapitalismus zum Kommunismus der technischen und organisatorischen Fragen der Wirtschafts- und Staatsverwaltung Herr zu werden. Sie würde Zersetzung in die Reihen des Feindes hinein tragen und die Isolierung des Proletariats in der öffentlichen Meinung durchbrechen. Die kommunistischen Parteien haben die Gärung unter den kleinbürgerlichen Schichten aufs schärfste zu beachten, sie in geeigneter Weise auszunutzen, selbst wenn diese von kleinbürgerlichen Illusionen nicht frei sind. Sie haben die von diesen Illusionen befreiten Teile der Intellektuellen und Angestellten in die proletarische Front einzureihen und sie auszunutzen zur Heranziehung der gärenden kleinbürgerlichen Massen.
Der wirtschaftliche Zerfall und die damit verbundene Zerrüttung der Staatsfinanzen zwingen die Bourgeoisie selbst, die Grundlage ihres eigenen Staatsapparates, die untere und mittlere Beamtenschaft wachsender Verelendung zu überantworten. Die wirtschaftlichen Bewegungen dieser Schichten berühren unmittelbar das Gefüge des bürgerlichen Staates, und wenn auch immer wieder zeitweilig beschwichtigt, wird es dem bürgerlichen Staat auf die Dauer ebenso unmöglich, diese seine organisatorische Grundlage sich zu erhalten, wie es dem Kapital unmöglich wird, sich die physische Existenz der Lohnarbeit gleichzeitig mit der Aufrechterhaltung seines Ausbeutungssystems zu sichern. Indem die kommunistischen Parteien sich der wirtschaftlichen Nöte der unteren und mittleren Beamtenschaft mit aller Tatkraft und ohne Rücksicht auf den Stand der öffentlichen Finanzen annehmen, leisten sie wirksame Vorarbeit für die Zerstörung der bürgerlichen Staatseinrichtungen und bereiten sie Elemente des proletarischen Staatsaufbaues vor.


10.

Die internationale Koordination der Aktion.


Um für den Durchbruch der Front der internationalen Konterrevolution alle Kräfte der Kommunistischen Internationale nutzbar zu machen, um den Sieg der Revolution zu beschleunigen, ist die einheitliche internationale Führung des revolutionären Kampfes mit aller Kraft anzustreben.
Die Kommunistische Internationale macht es zur Pflicht aller kommunistischen Parteien, sich gegenseitig im Kampfe energischste Unterstützung zu erweisen. Die sich entfaltenden ökonomischen Kämpfe erfordern, wenn das irgend möglich ist, sofortiges Eingreifen des Proletariats anderer Länder. Die Kommunisten haben in den Gewerkschaften darauf hinzuwirken, dass sie mit allen Mitteln nicht nur die Ausfuhr von Streikbrechern, sondern auch den Export für die Länder unterbinden, in denen ein wichtiger Teil des Proletariats im Kampfe steht. In Fällen, wo die kapitalistische Regierung eines Landes zu Gewaltmaßregeln gegen ein anderes Land greift, zwecks seiner Plünderung oder Unterjochung, ist es die Pflicht der kommunistischen Parteien, sich nicht mit Protesten zu begnügen, sondern alles zu tun, um den Beutefeldzug ihrer Regierung zu verhindern. Der III. Kongress der Kommunistischen Internationale begrüßt die Demonstrationen der französischen Kommunistenals Anfang der Steigerung ihrer Aktion gegen die konterrevolutionäre Ausbeuterrolle des französischen Kapitals. Er erinnert sie an die Pflicht, mit aller Kraft daran zu arbeiten, dass die französischen Soldaten in den besetzten Gebieten ihre Rolle der Schergen des französischen Kapitals verstehen lernen und sich gegen die ihnen zugeschriebenen schmachvollen Aufgaben auflehnen. Es ist die Aufgabe der französischen Kommunistischen Partei, zum Bewusstsein des französischen Volkes zu bringen, dass – indem es die Bildung einer französischen Besatzungsarmee, ihre Erfüllung mit nationalistischem Geiste duldet –– sie Skorpione gegen sich selbst züchtet, in den besetzten Gebieten werden Truppen gedrillt, die dann bereit sein werden, die revolutionäre Bewegung der französischen Arbeiterklasse im Blute zu ersticken. Besondere Aufgaben stellt vor die französische Kommunistische Partei die Existenz der schwarzen Truppen auf dem Boden Frankreichs und der besetzten Gebiete. Sie gibt der französischen Partei die Möglichkeit, an diese kolonialen Sklaven heranzutreten, ihnen klarzumachen, dass sie ihren Peinigern und Ausbeutern dienen, sie zum Kampfe gegen das Regime der Kolonisatoren aufzufordern und sich durch sie mit den französischen Kolonialvölkern in Verbindung zu setzen.
Die deutsche Kommunistische Parteihat in ihrer Aktion dem deutschen Proletariat klarzumachen, dass ein Kampf gegen die Ausbeutung durch das ententistische Kapitel unmöglich ist ohne Sturz der kapitalistischen Regierung, die sich trotz allen Geschreis gegen die Entente zum Schweißvogt und Zwischenmeister des ententistischen Kapitals macht. Nur indem die VKP Deutschlands durch ungestümen, rücksichtslosen Kampf gegen die deutsche Regierung beweist, dass sie nicht einen Ausweg für den bankrotten deutschen Imperialismus sucht, sondern dass sie den Boden von den Ruinen des deutschen Imperialismus zu befreien sucht, wird es möglich sein, in den proletarischen Massen Frankreichs den Willen zum Kampfe gegen den französischen Imperialismus zu steigern.
Die Kommunistische Internationale, die den Ruf des Ententekapitals nach Entschädigung als einen Raubzug gegen die arbeitenden Massen der besiegten Länder dem internationalen Proletariat denunziert, die das Suchen der Longuetisten und der deutschen Unabhängigen nach der Form dieses Raubes, die am wenigsten schmerzreich für die Arbeitermassen wäre, als feige Kapitulation vor den Haifischen der ententistischen Börse geißelt, zeigt dem französischen und deutschen Proletariat den einzigen Weg zum Wiederaufbau der verwüsteten Gegenden, zur Entschädigung der Witwen und Waisen, indem sie die Proletarier beider Länder zum gemeinsamen Kampfe gegen ihre Ausbeuter aufruft.
Die deutsche Arbeiterklasse kann nur dann der russischen in ihrem schweren Kampfe helfen, wenn sie durch ihren siegreichen Kampf die Vereinigung des landwirtschaftlichen Russland mit dem industriellen Deutschland beschleunigt. Es ist die Pflicht der kommunistischen Parteien aller Länder, deren Truppen an der Unterjochung und der Zerstückelung der Türkeiteilnehmen, mit allen Mitteln an der Revolutionierung dieser Truppen zu arbeiten. Auf den kommunistischen Parteien der Balkanländerliegt die Pflicht, alle Kräfte ihrer Massenparteien anzustrengen durch den Ausbau der kommunistischen Balkanföderation, dem Nationalismus die Stirn bietend nichts zu unterlassen, um den Moment ihres Sieges zu beschleunigen. Der Sieg der kommunistischen Parteien in Bulgarien und Jugoslawien, der nach sich den Zusammenbruch des schändlichen Horthy-Regimes herbeiführen und die Liquidierung des rumänischen Bojarentums erleichtern würde, würde die landwirtschaftliche Basis für die Revolution in den am meisten entwickelten Nachbarländern erweitern. Die rücksichtslose Unterstützung Sowjetrusslandsbleibt wie bisher die hervorragendste Pflicht der Kommunisten aller Länder. Sie haben nicht nur sich in energischster Weise gegen jeden Angriff auf Sowjetrussland zu wenden, sondern sie haben mit voller Energie um die Aufräumung der Hindernisse zu kämpfen, die die kapitalistischen Staaten dem Verkehr Sowjetrusslands mit dem Weltmarkt und mit allen Völkern in den Weg stellen. Nur wenn es Sowjetrussland gelingt, seine Wirtschaft zu restaurieren, der ungeheuren Not, die durch den dreijährigen imperialistischen und dreijährigen Bürgerkrieg verursacht ist, zu mildern, nur wenn es Sowjetrussland gelingt, die Arbeitsfähigkeit seiner Volksmassen zu steigern, wird es imstande sein, den siegreichen proletarischen Staaten des Westens in der Zukunft mit Lebensmitteln und Rohstoffen zu helfen und sie vor der Erdrosselung durch das amerikanische Kapital zu schützen.
Nicht nur in Demonstrationen aus Anlass besonderer Ereignisse, sondern der dauernden Steigerung der internationalen Verbindung der Kommunistenin ihrem ununterbrochenen gemeinsamen Kampfe in geschlossener Front besteht die weltpolitische Aufgabe der Kommunistischen Internationale. In welchem Teile dieser Front der Durchbruch des Proletariats gelingt, ob in dem kapitalistischen Deutschland mit seinem unter stärkstem Druck der deutschen und ententistischen Bourgeoisie stehenden Proletariat, das vor der Alternative steht, zu sterben oder zu siegen, ob in dem agrarischen Südosten oder Italien, wo die Zersetzung der Bourgeoisie so weit fortgeschritten ist, lässt sich nicht von vornherein sagen. Darum ist es die Pflicht der Kommunistischen Internationale, in allen Abschnitten der Weltfront des Proletariats die Anstrengungen bis aufs Äußerste zu steigern, und es ist die Pflicht der Kommunistischen Parteien, alles zu tun, um die entscheidenden Kämpfe jeder Sektion der Kommunistischen Internationale mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen. Dies hat in erster Linie dadurch zu geschehen, dass bei dem Beginn großer Auseinandersetzungen in einem Lande in den anderen die kommunistischen Parteien alle inneren Konflikte zuspitzen und zur Austragung zu bringen suchen.


11.

Der Verfall der 2. und der 2½ Internationale.


Das dritte Jahr der Existenz der Kommunistischen Internationale war Zeuge des Weiteren politischen Verfalls der sozialdemokratischen Parteien und der reformistischen Gewerkschaftsführung, ihrer Demaskierung und Entlarvung. Gleichzeitig aber ein Jahr der Versuche ihrer organisatorischen Zusammenfassung und ihres Überganges zum Angriff gegen die Kommunistische Internationale. In Englandhaben die Führer der Labour Party und der Gewerkschaften während des Kohlenarbeiterstreikes bewiesen, dass ihre Aufgabe in nichts anderem besteht als in der bewussten Zerstörung der sich bildenden proletarischen Front, als in der bewussten Verteidigung der Kapitalisten gegen die Arbeiter. Der Zusammenbruch der Tripleallianz bildet den Beweis, dass die reformistischen Gewerkschaftsführer nicht gewillt sind, sogar um die Besserung der Lage der Arbeiterschaft im Rahmen des Kapitalismus zu kämpfen. In Deutschlandhat die Sozialdemokratische Partei, nachdem sie aus der Regierung ausgetreten ist, bewiesen, dass sie sogar zu einer agitatorischen Opposition, wie sie die alte Sozialdemokratie vor dem Kriege getrieben hat, unfähig ist. Bei jeder oppositionellen Geste war sie darum besorgt, nur keine Kämpfe der Arbeiterklasse auszulösen. Obwohl sie sich im Reiche in angeblicher Opposition befand, organisierte die Sozialdemokratie in Preußen den Feldzug der weißen Garden gegen die mitteldeutschen Bergarbeiter, um sie eingestandenerweise zum bewaffneten Kampfe zu provozieren, bevor die kommunistischen Kampfreihen aufgerichtet waren. Angesichts der Kapitulation der deutschen Bourgeoisie vor der Entente, angesichts der offenen Tatsache, dass die deutsche Bourgeoisie die ihr von der Entente diktierten Bedingungen nur dann ausführen kann, wenn sie die Lebensbedingungen des deutschen Proletariats vollkommen unerträglich gestaltet, trat die deutsche Sozialdemokratie in die Regierung wieder ein, um der Bourgeoisie die Verwandlung der deutschen Proletarier in Heloten zu erleichtern. In der Tschechoslowakei mobilisiert die Sozialdemokratie Militär und Polizei, um den kommunistischen Arbeitern den Besitz ihrer Häuser und Institutionen zu entreißen. Die polnischeSozialistische Partei hilft durch ihre lügnerische Taktik Pilsudski, seinen Raubzug gegen Sowjetrussland zu organisieren. Sie hilft seiner Regierung, tausende Kommunisten in die Gefängnisse zu werfen, indem sie sie aus den Gewerkschaften heraus zu werfen sucht, wo sie trotz aller Verfolgungen immer größere Massen um sich sammeln. Die belgischen Sozialdemokraten verbleiben in der Regierung, die an der vollkommenen Versklavung des deutschen Volkes teilnimmt. Nicht weniger krass zeigen sich die zentristischen Parteien und Gruppen der 2½ Internationaleals die Parteien der Konterrevolution. Die deutschen Unabhängigen lehnen brüsk die Aufforderung der deutschen Kommunistischen Partei ab, trotz der prinzipiellen Gegensätze gemeinsam den Kampf zu führen gegen die Verschlechterung der Lage der Arbeiterklasse. Während der Märzkämpfe stellten sie sich entschlossen auf die Seite der weißgardistischen Regierung gegen die mitteldeutschen Arbeiter, um dann, nachdem sie geholfen haben, den Sieg des weißen Terrors herbeizuführen, nachdem sie die Vorderreihen des Proletariats als Räuber-, Plünderer- und Lumpenproletarier der bürgerlichen Öffentlichkeit denunziert haben, heuchlerisch über den weißen Terror zu jammern. Obwohl sie noch auf dem Hallenser Parteitag sich verpflichtet haben, Sowjetrussland zu unterstützen, führen sie in ihrer Presse einen verleumderischen Feldzug gegen die russische Sowjetrepublik. Sie stellen sich in eine Reihe mit der gesamten russischen Konterrevolution, mit Wrangel, Miljukow und Burzew, indem sie den Kronstädter Aufstand gegen die Sowjetrepublik unterstützten, den Aufstand, der den Beginn einer neuen Taktik der internationalen Konterrevolution Sowjetrussland gegenüber darstellt: durch den Sturz der Kommunistischen Partei Russlands die Seele, das Herz, das Knochengerüst und die Nervenstränge der Sowjetrepublik zu zerstören, um dann ihren Leichnam leicht wegräumen zu können. Zusammen mit den deutschen Unabhängigen schließen sich diesem Feldzug die französischen Longuetistenan und sie finden dadurch ihren offenen Anschluss an die französische Konterrevolution, die erwiesenermaßen diese neue Taktik Russland gegenüber inauguriert hat. In Italienhat die Politik der Zentrumsgruppen Serratis und D‘Aragonas, die Politik des Zurückweichens vor jedem Kampfe die Bourgeoisie mit neuem Mut erfüllt und ihr die Möglichkeit gegeben, durch die weißen Banden der Faschisten das ganze Leben Italiens zu beherrschen.
Obwohl die Parteien des Zentrums und der Sozialdemokratie sich nur durch Phrasen unterscheiden, ist die Vereinigung der beiden Gruppen in eineInternationale einstweilen noch nicht erfolgt. Ja, die zentristischen Parteien haben sich im Februar zu einer besonderen internationalen Gemeinschaft mit einer besonderen politischen Plattform und Statuten vereinigt. Diese 2½ Internationale versucht, zwischen der Losung der Demokratie und der proletarischen Diktatur auf dem Papier zu pendeln. Obwohl sie praktisch nicht nur der kapitalistischen Klasse in jedem Lande besonders hilft, indem sie den Geist der Unentschiedenheit in der Arbeiterklasse kultiviert, sondern obwohl sie sogar angesichts der Zertrümmerung durch die Weltbourgeoisie, angesichts der Unterjochung eines Teiles der Welt durch die siegreichen kapitalistischen Staaten der Entente der Bourgeoisie Pläne unterbreiten, wie sie ihren Ausbeuteplan durchzuführen hat, ohne die revolutionären Kräfte der Volksmassen zu entfesseln. Die 2½ Internationaleunterscheidet sich von der 2. Internationale nur dadurch, dass sich zu der gemeinsamen Angst vor der Macht des Kapitals, die die Reformisten mit den Zentristen vereinigt, die Angst gesellt, klare Formulierung ihres Standpunktes den Rest ihres Einflusses auf die zwar noch unklaren, aber revolutionär empfindenden Massen zu verlieren. Die politische Wesensgleichheit der Reformisten und der Zentristen findet ihren Ausdruck in der gemeinsamen Verteidigung der Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale, dieses letzten Bollwerkes der Weltbourgeoisie. Indem die Zentristen überall, wo sie den Einfluss auf Gewerkschaften besitzen, sich mit den Reformisten und der Gewerkschaftsbürokratie vereinigen zum Kampfe gegen die Kommunisten, auf die Versuche der Revolutionierung der Gewerkschaften mit dem Ausschluss der Kommunisten, mit der Spaltung der Gewerkschaften antworten, beweisen sie, dass sie ebenso wie die Sozialdemokraten entschiedene Gegner des proletarischen Kampfes und Schrittmacher der Konterrevolution sind.
Die Kommunistische Internationalehat, wie bisher, den entschiedensten Kampf nicht nur gegen die 2. Internationale, gegen die Amsterdamer Gewerkschafts-Internationale, sondern auch gegen die 2½ Internationale zu führen. Nur durch diesen unerbittlichen Kampf, der tagtäglich den Massen zeigt, dass die Sozialdemokraten und Zentristen nicht nur nicht gewillt sind, um die Überwindung des Kapitalismus zu kämpfen, sondern sogar nicht um die einfachsten, unaufschiebbarsten Bedürfnisse der Arbeiterklasse, kann die Kommunistische Internationale diesen Agenten der Bourgeoisie den Einfluss auf die Arbeiterklasse entreißen. Diesen Kampf kann sie siegreich zu Ende führen nur, indem sie jede zentristischen Tendenzen und Anwandlungen in ihren eigenen Reihen im Keime erstickt, nur indem sie in ihrer täglichen Praxisbeweist, dass sie die Internationale der kommunistischen Tatund nicht die der kommunistischen Phrase und Theorie ist. Die Kommunistische Internationale ist die einzige Organisation des internationalen Proletariats, die durch ihre Grundsätze befähigt ist, seinen Kampf gegen den Kapitalismus zu leiten. Es gilt, ihre innere Geschlossenheit, ihre internationale Leitung, ihre Aktion so zu steigern, dass sie in Wirklichkeit die Ziele erfüllt, die sie sich in ihren Statuten stellt:

„Organisierung von gemeinsamen Aktionender Proletarier der verschiedenen Länder, die das eine Ziel anstreben:

Sturz des Kapitalismus, Errichtung der Diktatur des Proletariats und einer internationalen Sowjetrepublik.“

 

 

 

 

 

 

 

 

Komintern

[ Kommunistische Internationale ]